Ein syrisches Kind malt, um sein Kriestrauma zu verarbeiten.
Traumatisiert und verwaist

Cemal aus Syrien

In den SOS-Kinderdörfern in Damaskus leben Kinder, bei denen unsere syrischen Kollegen trotz intensiver Suche keine Angehörigen mehr finden konnten. Jenen Kindern, die immer noch sehnlich hoffen, müssen wir auf behutsame Weise vermitteln, dass ihre Eltern wohl nie wiederkommen werden. Cemal, elf Jahre, ist eines dieser Kinder.

Cemal, wie kamst du ins SOS-Kinderdorf?

Wir sind nachts aus Ghouta weggerannt. Plötzlich hat jemand auf uns geschossen. Mama fiel hin und schrie. Papa rannte zurück, um ihr zu helfen. Er rief meinem Bruder und mir zu, dass wir weiterlaufen sollten. Und nicht zurückschauen. Nur rennen. Irgendwann kamen wir zu einem Haus mit Soldaten. Dort warteten wir auf Mama und Papa. Aber sie sind nicht gekommen. Nicht in dieser Nacht und auch nicht am nächsten Tag. Dann brachte uns ein Mann ins SOS-Kinderdorf.

Wie geht es dir und deinem Bruder dort?

Es ist schön hier und ich habe ein eigenes Bett! Abdullah und ich gehen jetzt wieder zur Schule. Und es sind immer Kinder da zum Spielen, das mag ich!

Gibt es auch etwas, das du nicht magst?

Schlafen.

Magst du erzählen, warum du nicht gerne schlafen gehst?

Wenn ich einschlafe, träume ich ganz schlimme Sachen. Mein Bruder auch. Deshalb wollen wir abends nicht ins Bett gehen. Wir lesen so lange lustige Bücher, bis unsere SOS-Mutter Wardeh das Licht ausmacht. Wardeh schläft manchmal bei mir im Zimmer, damit ich keine Angst habe.

Gibt es jemanden, mit dem du über die Alpträume sprechen kannst?

Es gibt eine Frau, die kommt zweimal in der Woche, der darf ich alles erzählen und sie erzählt es niemandem auf der Welt.

Helfen dir diese Sitzungen bei der Kinderpsychologin?

Ich glaube schon. Ich kann jetzt schon wieder besser lernen in der Schule. Aber ich habe immer noch Angst.

Sprichst du mit deinem Bruder über das, was du erlebt hast?

Ich spreche. Aber Abdullah antwortet nicht. Er will nicht darüber reden. Aber das ist okay. Er war dabei, das hilft mir. Er weiss, was ich weiss. Wir haben dieselben Träume und hören Mama schreien.

Was magst du am liebsten im SOS-Kinderdorf?

Dass wir hier spielen können. Und dass ich Freunde gefunden habe.

Erzählst du mir noch etwas über deine SOS-Mutter Wardeh?

Sie ist wunderschön und sehr lieb. Und sie kann gut kochen. Wir helfen ihr oft beim Kochen. Dann sitzen wir alle zusammen am Küchentisch und reden und lachen zusammen. Das erinnert mich an Mama, die konnte auch gut kochen.

Was ist dein grösster Wunsch, Cemal?

Dass Mama und Papa kommen und Abdullah und mich abholen.

Im Sommer 2019 durften unsere Schweizer Kolleginnen mit einigen Kriegswaisen aus den SOS-Kinderdörfern über ihre Erlebnisse und die Traumatherapie sprechen. Im nachfolgenden Video sehen Sie die neunjährige Rema, welche durch eine Maltherapie versucht, das Erlebte zu verarbeiten.

Die Kinder in den SOS-Kinderdörfern erhalten eine spezifische Traumatherapie, um die erlebten Kriegsgräuel verarbeiten zu können.
Beitrag teilen